Test und Technik

APRILIA TUONO V4 1100 FACTORY

IM REICH DER SINNE

21.04.2017 00:00 (rüdin/cr)

Nach bloss zwei Jahren verpasst Aprilia der Tuono ein Euro 4- Update. Und wenn ein derartiges Spassmobil getestet wird, lassen wir uns natürlich nicht zweimal bitten. Ist die Neue eine würdige Nachfolgerin für die schon zuvor betörende Tuono?


Euro 4 beschert uns Ofenrohre wie in den 90ern. Der Sound isttrotzdem allererste Sahne. (Für mehr Bilder klicken)

«ARE YOU HAPPY NOW?»,

fragt Aprilia-Ingenieur Roberto Calò an der Pressekonferenz uns Journalisten und blickt uns dabei ernst über seine Brillengläser hinweg an. Ach, was lieben wir unsere südlichen Nachbarn doch für so viele Sachen, und irgendwie auch dafür, dass sie unsere Kritik an der Vorgängerin so persönlich nahmen. Die bremste zwar richtig gut, hatte jedoch keine radiale Bremspumpe. Dies veranlasste zahlreiche Berichterstatter zur Kritik ebendieses einen Bauteils an der ansonsten mit technischen Schmankerln übersäten Maschine. Ergo ist der Fakt, dass die flammneue Tuono nun mit einer radialen Brembo-Bremspumpe aufwartet, auch ein persönlicher Triumph von Roberto, was ihn zur eingangs erwähnten Frage veranlasste. Nun, wir finden das natürlich alle ganz hervorragend, vor allem, da dies auch für das Standardmodell Tuono V4 1100 RR gilt, nicht bloss für die Topvariante Tuono V4 1100 Factory, welche wir heute ausprobieren.

 

MEISTER RÖHRICHS LIEBLING

Die nach Euro 3 homologierte Vorgängerin bellte beim Anlassen jeweils los wie ein ganzes Rudel aufgeschreckter Dobermänner, so dass Werner Beinharts Arbeitgeber, Meister Röhrich, wohl mal wieder gefragt hätte: «Tut das Not, dass das Moped so laut ist?» An der Euro 4-Tuono hätte er sicher mehr Freude, denn diese brummelt nach dem Starten gelassen vor sich hin. Dabei klingt sie jedoch beileibe nicht langweilig, das Dobermann-Rudel ist einfach erst bedrohlich am Knurren.

Bevor ich jedoch losfahre, bleibt Zeit, mich mit den vielen Funktionen im bestens ablesbaren TFT-Display vertraut zu machen. Ein grosses Lob gibt’s für die intuitive Handhabe über den Joystick am linken Lenkerende. Auch wenn die Bedienung sich als etwas fummelig erweist, so ist sie doch überaus logisch. Weiterhin können die Motormappings, das ABS, die Traktions- und die Wheeliekontrolle und auch die Launchkontrolle komplett unabhängig voneinander justiert oder gar ausgeschaltet werden, was einem grosse Freiheit beim Personalisieren der Tuono gibt. Sehr nette Gimmicks sind die Anzeigen der Schräglage sowie der Gasgriffstellung oder des Bremsdrucks, genauso wie wir es uns vom TV bei MotoGP-Übertragungen gewohnt sind. Wer mit den Daten allerdings prahlen möchte, benötigt dafür die Aprilia Multimedia- Plattform für rund CHF 200.–, die eine komplette Telemetrie mit Aufzeichnungsmöglichkeit per kostenloser Smartphone-App beinhaltet.

 

DONNER UND GLORIA!

Durch die Ortschaft Trento (I) hindurch wartet die Tuono schon mit der nächsten Überraschung auf: Der Motor verhält sich nun noch gesitteter bei tiefen Drehzahlen, nimmt sauber Gas an in den Modi Sport und Race und lässt sich sogar ganz tieftourig im Vierten Gang ohne Ruckeln fahren. Ein Gedicht ist der Quickshifter, der in beide Richtungen exzellent arbeitet, und zwar bei jeglicher Drehzahl und Gasgriffstellung. Der neuartige Sensor auf der Schalttrommel, der mehr und präzisere Informationen über die exakte Position der Schaltwalze und der Schaltgabeln an die Steuereinheit weiterleitet, scheint sich auszuzahlen. Beim kupplungsfreien Runterschalten muss nicht einmal der Gasgriff geschlossen sein. Dies könnte helfen, falls man zum Überholen ansetzt und herausfindet, dass man sich noch in einem zu hohen Gang befindet. Selbstverständlich muss ich das umgehend ausprobieren. Tatsächlich: Ausgangs von Ortschaften, durch die ich locker im hohen Gang gerollt bin, steppe ich mit halb geöffnetem Gasgriff einfach einen tieferen Gang rein und das Rideby- Wire erledigt alles (Gas schliessen, Zündunterbruch, Gas wieder öffnen) für mich. Zwar ist auf diese Art die Zugunterbrechung etwas länger, aber nur Sekundenbruchteile später beschleunige ich im passenden Gang auf Überlandgeschwindigkeit.

Auf den Landstrassen setzt sich der positive Eindruck fort, denn die neu programmierten Motor-Mappings unterscheiden sich nun etwas mehr als zuvor. «Sport» ist das, was anderswo «Rain» heisst und spricht sehr sanft, wenn auch leicht verzögert an. Mein Favorit ist «Race», der Gasbefehle sauber und direkt umsetzt. «Track» wiederum ist meines Erachtens für die Landstrasse zu forsch, den würde ich gern mal auf einer Rennstrecke ausprobieren. Über das ganze Drehzahlband läuft der V4 fast vibrationsfrei und mit überschwänglich viel Punch bei jedweder Drehzahl. Bis in den 3. Gang sind Wheelies nach der Kurve nichts als eine profane Nebenerscheinung der gnadenlosen Beschleunigung. Die Wheeliekontrolle lässt diese in Stufe 3 selten, in Stufe 2 öfter und in Stufe 1 grosszügig bis zu einem gewissen Punkt zu. Der Sound, der dem vergrösserten Schalldämpfer entweicht, ist immer noch so betörend, wie wenn ein Liebesengel auf Speed und Viagra einen Rocksong singt – einfach geil aber nicht mehr dermassen laut.

 

DIE WILL DOCH NUR SPIELEN

Die gewundenen Strassen rund um Trento sind ein gefundenes Fressen für das komplett einstellbare Öhlins- Fahrwerk der Factory. In den Gabelbrücken steckt eine neue Gabel (NiX-Serie), die zudem etwas weichere Federn erhielt. Dadurch hat sich der Komfort verbessert, ohne die Strassenlage zu beeinträchtigen, denn die Forke spricht sensationell fein an und meldet trotzdem zuverlässig den Haftungszustand der Reifen zurück. Am TTX36-Federbein hinten hat sich nichts verändert, auch nicht die superbe Funktion. Zusammen mit der perfekt gelungenen Geometrie, die Handlichkeit und Stabilität zu einer ungeahnten Koexistenz vereint, manifestiert sich ein sportliches Fahrverhalten, das seinesgleichen sucht. Zielgenau treffe ich jede Linie, und dank des bestechenden Feedbacks fühle ich konstant, was noch möglich ist und was eben nicht. Nur sehr wenige Motorräder heizen meinen Spieltrieb dergestalt an wie die Aprilia, so sehr, dass ich kaum mehr aufhören möchte. Wie gut, dass die Brembo- Bremse jedes Mal zuverlässig verzögert. Nebst der schon erwähnten, radialen Bremspumpe zieren nun grössere Bremsscheiben mit 330 mm Durchmesser das Vorderrad, und reinbeissen dürfen dort ab sofort die Referenzzangen M50. Aber auch die beste Bremse muss gut abgestimmt sein, und Roberto verrät, dass die verwendeten BRM10B-Klötze für die Strasse fantastisch funktionieren würden. Nach der Testfahrt kann ich ihm nur zustimmen, am Ankerwurf der Tuono gibt es rein gar nix zu kritisieren. Mit zwei Fingern kann ich ohne Anstrengung das Vorderrad bis an die Blockiergrenze und dank ABS auch kurzzeitig darüber verzögern. Diese Bremse gehört zu den drei besten Strassenbremsen, die ich jemals ausprobiert habe. Die drei Stufen des ABS unterscheiden sich wie folgt: Stufe 3 steht für maximale Sicherheit und frühen Eingriff, für Kurvenfunktion und Hinterradabhebeerkennung. Stufe 2 ist für sportliches Fahren gedacht, die Kurvenfunktion ist aktiv, jedoch greift das ABS später ein. Das Hinterrad wird nur unter 140 km/h sicher auf dem Boden gehalten. Stufe 1 ist für die Rennstrecke gedacht und verhindert nur Überbremsen. Die Kurven- und Hinterradabhebefunktionen stehen nicht zur Verfügung.

 

SUPERSPORTLER UNDERCOVER

Auch mit diesem Update bleibt die Aprilia Tuono, was sie schon seit ihrer Geburt im Jahr 2002 ist: ein verkappter Supersportler, in etwa so verkappt wie ein Elefant, der sich hinter einem Baum versteckt. Das meine ich keinesfalls negativ, denn die üblichen Kritikpunkte der Stummellenker- Bikes wie unbequeme Sitzposition und ellenlange Übersetzung wurden bei der Tuono schon von Beginn an ausgemerzt. Erhalten geblieben sind dafür die Vorteile wie das berauschende Fahrverhalten, immense Leistung, Top-Komponenten und Elektronik der letzten Entwicklungsstufe. Die neue Tuono ist ab Jahrgang 2017 so potent wie eh und je und ein kleines bisschen umgänglicher. Und so singe ich zusammen mit Pharrell Williams ein Ständchen, extra für Roberto: «Because I’m happyyy!»

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