Test und Technik

E-Chopper

Electric Rider

15.11.2017 13:55 (ml/ps)

Traum oder Albtraum? Der e-Chopper des Unteribergers Peter Fässler polarisiert. Der in Eigenregie konzipierte und ohne fremde Hilfe gebaute Strom-Easy Rider war einer der Stars der Swiss-Moto 2017. Fässler gewann den Innovationspreis und erhielt eine Einladung an die Emirates-Custom-Show in Abu Dhabi.


Der e-Chopper rollt und summt, mangels Zulassung aber nur auf dem Parkplatz im Hinterhof von Fässlers Werkstatt in Unteriberg. (Für mehr Bilder klicken)

Die Geschichte ist bizarr: Peter Fässler (37) fährt nicht Motorrad. Der Automechaniker mit Weiterbildung zum Maschinenbauingenieur besitzt zwar einen Führerschein, aber ein motorisiertes Zweirad hat er nie besessen. Vielmehr war Fässler Skirennfahrer, spielte Klavier und wurde mit seiner Frau Andrea Eigenheim-Besitzer und stolzer Vater der drei Kinder Jana (10), Selina (8) und Levin (4). «Im Herbst 2015 begann ich mich für die Zweiradtechnik zu interessieren», erzählt Fässler. «Ich habe mir im Internet günstig eine gebrauchte ­Yamaha XVS 1100 Dragstar erstanden, diese über den Winter nach eigenen Vorstellungen umgebaut, aber dann vor dem Saisonstart gleich wieder verkauft. Das Ding sah gleich aus wie alle andern Cruiser und Chopper, irgendwie langweilig. Ich wollte etwas haben, das völlig eigenständig war.»

 

Eigenbau-Rahmen

Und schon war sie da, die Idee vom E-Chopper. Fässler setzte sich nächtelang an den Computer. Bald wurden aus den ersten Entwürfen mehrdimensionale, präzise CAD-Konstruktionspläne. «Mein beruflicher Hintergrund war natürlich hilfreich. Zentrales Bauelement meines e-Choppers ist ein Stahlbrückenrahmen aus Chrommolybdän, den ich, wie die Schwinge, selber geformt und verschweisst habe. Das Federbein wird im Cantilever-System angesteuert. Die Anbauteile sind nichts Spezielles; Gabel, Bremsen, Räder, Lenker und Hebeleien habe ich aus dem amerikanischen Harley­-Customizing-Programm ausgewählt, einige elektrische Bauteile ausserhalb des Antriebs stammen von Moto Gadget.» Mit einer Ausnahme: Fässler konstruierte einen Seitenständer, der sich elektrisch ein- und ausfahren lässt.

 

Raumschiff-Design

Und wer war für das unverkennbare Raumschiff-Design zuständig? «Ich selbst. Da stecken viele Stunden Arbeit drin. Aus Kostengründen und weil ich die Formen selber bauen kann, habe ich Polyester verwendet. Kohlefaser wäre natürlich cooler, aber teuer. Das hebe ich mir für die nächste Version auf. Ein echter Knackpunkt war auch der vordere Kühlergrill; bis ich den von der Idee her und der Verarbeitung des Stahls sauber hingekriegt habe, rauchte nicht nur der Schweissapparat.» Beim «Motor» beziehungsweise e-Antrieb musste Fässler Kompromisse ­machen: «Am liebsten hätte ich eine komplette Einheit eines anderen Herstellers wie etwa Zero Motorcycles übernommen. Aber die liessen mich abblitzen. Da ich den Bau meines e-Choppers selber finanzierte, konnte ich keine ­Luxusvariante wählen, ­sondern entschied mich für etwas Preisgünstigeres aus Fernost. Der 72-V-Gleichstrommotor liefert bei einer 1 : 4-Übersetzung 432 Nm Drehmoment ans Hinterrad, die Beschleunigung aus dem Stand ist ziemlich beeindruckend.»

 

432 Nm, bis 100 km

Als Stromquellen dienen zwei Akku-Packs mit je 12 «Pouch Cells», die zusammen rund 7,2 Kw/h speichern können. Fässler: «Das würde theoretisch bis 100 km Fahrstrecke reichen. Aber mangels Zulassung konnte ich das nicht ausprobieren. Im Hinterhof stundenlang Kreise zu drehen, ist nicht lustig. Für die Homologation meines Bikes und insbesondere des Rahmens fehlt mir das Geld.»

 

«Swiss-Moto? Noch nie gehört …»

Als Fässlers Vehikel Ende 2016 Formen annahm, empfahl ihm ein Freund, sich unbedingt bei der Swiss-Moto zu melden. «Ich wusste nicht mal, was die Swiss-Moto ist», lacht Fässler. «Ich habe mich aber ­gemeldet und bin prompt eingeladen worden. Als ich mit meinem Bike in die Halle rollte, blickten mich die anderen Cruiser-Aussteller entweder völlig perplex oder völlig von der Rolle an. Kann ich verstehen; wer jahrzehntelang knackigen V2-Sound liebt, muss das Gesumme meines e-Choppers als Sakrileg empfinden.»

 

Version 2 an der Swiss-Moto 2018:

Ob Sakrileg oder nicht: Fässler gewann den Innovationspreis und wurde samt Bike und Frau Andrea an die Emirates Custom Show in Abu Dhabi eingeladen. «Das ist aber noch nicht ­alles», freut sich Fässler. «Ich habe von der Swiss-Moto den Auftrag erhalten, für die Ausstellung im ­Februar 2018 ein komplett neues Bike zu kreieren, stärker, grösser und – bereit für die Strassen­zulassung.»

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