Test und Technik

Lang lebe der König

Harley-Davidson Road King Special

02.08.2017 11:44 (ml/ps)

An ihr prallt alles ab: Modetrends, Schickimicki-­Gadgets, Elektronik- Firlefanz, Strassenunebenheiten und schlechte Laune. Die Harley-Davidson Road King Special spielt in einer himmlischen Liga.

Ja, Harley-Davidson hat die Road King Special für 2017 als neues Modell angepriesen. Doch wer jetzt moniert, dass technisch ausser dem Ape Hanger – das ist das als Lenker getarnte Elchgeweih – , den schmucken Alurädern im Turbinendesign, der fetten Lampenverkleidung, dem heute hippen Bagger-Heck mit den beiden lang und nach unten gezogenen Seitenkoffern sowie dem Schriftzug und einigen Kleinigkeiten nichts wirklich neu sei, täuscht sich. Denn die deutlich grösseren Räder (vorne 19 statt 17 Zoll, hinten 18 statt 16 Zoll) und die King-Kong-Segelstange verändern die Fahr­eigenschaften nachhaltig, wobei das Positive das Negative in den Schatten stellt.

 

Grosse Räder, grosse Wirkung

 

Zuerst zum Erfreulichen: Dank den grossen Rädern und damit deutlich mehr Bodenfreiheit schrabbt die «Special» nicht in jedem Stadtkreisel und in jeder zügig umrundeten Kurve genüsslich mit den (äusserst bequemen) Trittbrettern über den Asphalt und erschreckt so unschuldige Grosis und Kinder. Im Gegenteil: Es ist sogar eine gemässigt sportliche Gangart möglich, denn auch die Lenkpräzision ist mit dem vorderen 19-Zöller tadellos und die nötigen Lenkkräfte sind dank dem breiten Lenker nicht übertrieben hoch. Auch die Bremsen verdienen in Dosierung und Wirkung vorn und hinten hervorragende Noten – das Kapitel «Harleys bremsen nicht» ist damit endgültig abgeschlossen bzw. nur noch dümmliches Stammtisch-Geschwafel. Aber bitte immer im Hinterkopf behalten, dass man erstens einen 372-kg-Supertanker Gassi führt, der nicht zwingend für solche Zwecke gebaut wurde, und dass zweitens die Scorcher-Bereifung eher mit Langlebigkeit als auf Supergrip glänzt und von den Bremsen schon sehr rasch überfordert wird und in den K.-o.- beziehungsweise den ABS-Regelbereich wechselt.

 

Ah ja, noch das Negative: In engen Kreiseln, Haarnadelkurven und vor allem beim Wenden und Manövrieren müsste man den kurven­äusseren Arm ­hydraulisch ausfahren ­können. Bei vollem Lenk­einschlag im Stand erreichen Normalgewachsene – der Schreibende misst 180 cm und besitzt handelsübliche Arm- und Beinlängen – vom Sattel aus kaum mehr den Lenker. Mit ein bisschen Körpereinsatz nach vorn, weiser Voraussicht, gross gewählten Kurvenradien und vor allem einer intelligenten Parkplatzwahl kriegt man das Problem jedoch in den Griff.

 

Parkieren: Vorsicht!

 

Wer jedoch die «Special» auf einer abfallenden Ebene ohne Ausgang nach vorn abstellt, kriegt garantiert sein Fett weg, denn die Road King Special hat trotz 7,5 Zentnern Kampfgewicht keinen Rückwärtsgang. Kommt nicht rechtzeitig fremde Hilfe, findet der Sonnenuntergang für einmal ohne unseren Helden im Sattel statt.

 

Kein Motor, sondern ein Monument

 

Wer den 2016 neu eingeführten 107 cubic inch gros­sen «Milwaukee Eight» mit den beiden je 872,5 cm3 gros­sen, im 45 °-Winkel zueinanderstehenden Zylinder (Gesamthubraum 1745 cm3) schnöde als Motor bezeichnet, begeht schon fast Blasphemie. Denn die Art und Weise, wie der neue Achtventiler seine maximal 89 PS und 150 Nm Drehmoment locker vom Hocker und mit sanft pulsierendem V2-Schlag bereits aus dem allertiefstem Drehzahlkeller freischaufelt, ist schon einmalig und immer wieder aufs Neue ein Erlebnis. Jeder einzelne Kolbenhub ist spürbar, die Kraft setzt unglaublich weich ein und nimmt linear mit steigender Drehzahl zu. Sogar im oberen Bereich – wir sprechen hier von 3500 bis 5500/min – geht dem V2 keineswegs die Luft aus, zügiges Überholen ist absolut kein Problem. Ausdrehen macht sogar (ab und zu) Spass, ist aber natürlich absolut nie wirklich zwingend.

 

4 Gänge täten’s auch

 

Die mit der Schaltwippe ­exakt zu schaltenden sechs Gänge sind zumindest für den Schreibenden überflüssiger Luxus. Für seinen Geschmack wären drei Fahrstufen plus ein Overdrive angesichts des Drehmomentgebirges in Himalaya-­Dimensionen weitaus genug und würden die lästige Schaltarbeit drastisch reduzieren. Weniger wäre hier eindeutig mehr, zumal der Hebel, der an sich wenig Handkraft verlangenden und sauber dosierbaren Kupplung, ergonomisch bekannterweise nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Vibrationen? Klar, die gibt’s, aber das sind keine wirklichen Vibrationen, sondern vielmehr liebevolle und willkommene Massage- und Streicheleinheiten für den vom Arbeits-Alltag gestressten Reiter.

 

Tempomat: Danke!

 

Ein spezielles Dankeschön verdienen die Harley-Ingenieure für die Installation eines gut bedienbaren Tempomaten am linken Lenker­ende. So kann man auf der Autobahn den rechten Arm mal kurz «bambeln» lassen, wenn er wegen der Achselhöhlen-Trocknungsanlage (Ape Hanger) einzuschlafen droht.

 

Die Kleinigkeiten

 

Was uns noch aufgefallen ist: Durch die aufrechte Position mit dem hohen Lenker sind Tacho und Kontrollleuchten nur mit stark gesenktem Kopf abzulesen, was der Sicherheit nicht gerade förderlich ist. Dafür wird der Blick nach vorn Richtung Horizont durch nichts und gar nichts getrübt – echtes Harley-Feeling eben. Die Seitenkoffer sind zwar formschön und mit zwei Handgriffen abnehmbar, aber so schmal , dass kein Kinderhelm reinpasst. Und die Benzin­stands­anzeige in der linken Tankdeckelattrappe ist vom Sattel aus nur mit Adler­augen ablesbar. Aber von sowas lässt sich ein wahrer «King of the Road» ganz sicher nicht den Spass an der Freude verderben.

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