Test und Technik

Harley-Davidson Forty-Eight vs. Triumph Bonneville Bobber

«VOLL GEIL, MANN …»

04.05.2017 13:23 (lehner/cr)

Schönheit muss leiden: Wer mit den beiden City- und Flaniermeilen-Champions von Harley-Davidson und Triumph unterwegs ist, darf sich über viel Aufmerksamkeit, charakterstarke Motoren, satten Ballersound und viel Charisma freuen. Aber die klassisch-ehrwürdige Forty-Eight und der britische Herausforderer Bobber verlangen auch einiges an Stehvermögen.

LANGSTRECKEN-FREAKS

kriegen in den straff gepolsterten Solo-Sätteln der ehrwürdigen Harley-Davidson Forty-Eight und der taufrischen Triumph bereits nach knapp mehr als 100 km den Koller: Nicht weil ihnen der Popometer schmerzt oder weil die treue Sozia zu Hause schmollt, sondern weil ihnen in den schmucken, einzelnen Rundinstrumenten bereits der Ruf an die nächste Tanke entgegenflackert. 7,9 (Harley) bzw. 9,1 Literchen Bleifrei passen in die putzigen Tänkli, bei etwas mehr als fünf Litern Verbrauch sitzt der stolze Reiter nach rund 150 Kilometern auf dem Trockenen. Also die Route gut planen oder am besten gar nie aus der Stadt und ihrer Agglomeration entfliehen.

Wozu auch, denn die beiden adrett gestylten Zweizylinder-Poltergeister wollen ja gesehen und bewundert werden, ihre Dompteure sich an den staunenden Blicken des flanierenden City-Volks laben. Ganz klar: Trotz der stattlichen Hubräume – 1197 cm3 (Bobber) und 1202 cm3 (Forty-Eight) und ihrer Zugehörigkeit zu den «grossen» Motorrädern – gehört das anglo-amerikanische Duo zu den Stadt- und Kurzstrecken-Fahrzeugen.

 

EINE PAUSE IN EHREN SOLLTE NIEMAND VERWEHREN

Dazu passen auch die Sitzpositionen. Länger als eine Stunde ohne Pause halten es auch Hartgesottene in den Sätteln kaum aus. Die Sitze sind zwar nicht unbequem (und bei der Bobber horizontal sogar um 30 mm verstellbar), aber wegen der langgestreckten Arme und der weit nach vorn gereckten Tretern (vor allem auf der Harley) flehen Rücken und Gliedmassen bald um Gnade bzw. Entspannung. Zumal die Federwege von 77 mm (Triumph, Zentralfederbein mit Hebelumlenkung) und gar nur mickrigen 54 mm (Harley, direkt an der Schwinge angelenkte Stereofederbeine) den Komfort nicht sonderlich fördern. Mit heftigen Tritten ins Steissbein muss jederzeit gerechnet werden, auf holprigen Nebenstrassen 37. Ordnung hört man die Bandscheiben quietschen.

 

EINFACH ALLES ANDERS

Sind sich Amerika und England bei den Bonsai-Tanks, den Sitzpositionen und damit auch dem urbanen Einsatzzweck noch ziemlich einig, liegt zwischen dem Rest der beiden Töff sprichwörtlich der ganze Ozean. Motoren, Fahrwerke, Ausstattung und auch die Verarbeitung sind von grundsätzlich anderen Philosophien geprägt.

 

TRIUMPH: EINZUG DER MODERNE

Die Triumph hält mit der Zeit Schritt. Der topmoderne, kurzhubige und flüssigkeitsgekühlte Reihenzweizylinder mit 270 ° Hubzapfenversatz und total acht Ventilen glänzt mit viel Dampf. Bereits unter 2000/min wuchtet er mit seinen 77 PS die fahrfertig 237 kg schwere Maschine samt Besatzung heftigst nach vorne und dreht fröhlich bis 6000/min nach oben. Der unglaublich vollmundige, aber nicht laute Sound gehört zum Besten, was der Cruisermarkt zu bieten hat. Auch die Laufkultur ist vorbildlich, Vibrationen gibt es nur im Ansatz, mechanische Geräusche praktisch nicht. Hinzu kommt eine Elektronik mit zwei gut abgestimmten Fahrmodi (Rain, Standard). Die Traktionskontrolle kommt angesichts des beeindruckenden Drehmoments auf nassen, rutschigen Strassen regelmässig zum Einsatz. Die sechs Gänge – Stufe 6 ist als Overdrive ausgelegt – sind mit den formschönen Alurasten und -hebeln präzis und mit kurzen Schaltwegen zu bedienen, dasselbe gilt auch für die Handhebel und alle anderen Bedienungslemente.

 

HARLEY: DAS EREIGNIS MOTOR

Eine gänzlich andere Auffassung vom Vortrieb hat die Forty-Eight. Beim luftgekühlten, langhubigen 45 °-V2 mit untenliegenden Nockenwellen und stossstangengesteuerten Ventilen (zwei pro Zylinder) steht nicht die Fahrleistungen, sondern vielmehr das «Ereignis Motor» im Zentrum. Bereits im Standgas werden das komplette Motorrad und der Fahrer durchgerüttelt, jeder Kolbenhub ist physisch spürbar. Auch die mechanische Geräuschkulisse ist nicht von schlechten Eltern und erinnert an eine längst vergangene Zeit. Unterhalb von 2500/min poltert sich der V2 beinahe selbst aus dem Stahlrahmen, die fünfte und längste Gangstufe ist unterhalb von 80 km/h nicht nutzbar.

Zwischen 2500 und 4000/min liefert das amerikanische Motormonument dann aber dieses unvergleichliche tuff-tuff …, tuff-tuff …, tuff-tuff-Harley- Feeling, das am Anfang aller Milwaukee- Legenden vom endlosen Ritt des einsamen Reiters in den Sonnenuntergang stand (sofern im Fall der Forty-Eight die Tankstellen nicht zu weit voneinander entfernt lagen). Oberhalb von 5000/min geht dann die Sonne endgültig unter bzw. der Harley der Schnauf aus, frühes Hochschalten mit dem im Vergleich zur Bobber grobschlächtigen Fusshebel und den bekannten, ergonomisch eigenwilligen Handhebeln ist empfehlenswert. Wie nicht anders zu erwarten, dreht die Forty-Eight der Elektronik gelangweilt den Rücken zu, Fahrmodi oder gar eine Traktionskontrolle sind ihr ein Graus. Das ist nicht weiter schlimm, aber angesichts der im Regen nicht besonders griffigen Scorcher- Reifen wäre eine Traktionskontrolle an Bord nicht unerwünscht.

 

FAHRWERKE: HANDLICHE HARLEY, STOISCHE TRIUMPH

Auch bei den Fahrwerken wird der Ozean zwischen dem am Herikanischen Milwaukee und dem britischen Hinckley nicht schmaler. Die Forty-Eight ist trotz 252 kg Gewicht, fettem 130er-Vorderreifen (16 Zoll) und dicken 49-mm-Gabelstandrohren klar handlicher als die im direkten Vergleich bei schnellen Richtungswechseln träge Bobber. Die Britin kontert mit hoher Lenkpräzision (100er-Vorderreifen, 19 Zoll) sowie einer unerschütterlichen, schon fast stoischen Stabilität auch bei höheren Tempi, während die Harley mit ihrer Geometrie und vor allem dem fetten Vorderrad geradeaus gerne mal aus dem Konzept gerät, sie räumt auch bei der Lenkpräzision keine Bestnoten ab.

 

DIE HARLEY BREMST BESSER

Das tut die Forty-Eight aber beim Bremsen. Wer eine genügend grosse Hand für den nicht einstellbaren Monsterhebel mitbringt, bringt den V2-Saurier jederzeit sicher und wohldosiert zum Stehen, der ultradicken 49-mm-Telegabel ist jegliches Verdrehen fremd. Bravo, das war vor nicht allzu langer Zeit ganz anders! Bei der Triumph hingegen kann man am einstellbaren Hebel zupfen und rupfen, wie man will, die Bobber-Bremse vorn bleibt matschig, mau und kraftlos; sie ist mit Abstand das schlechteste Teil des gesamten Motorrads. Nur dank dem hinteren, gut dosierbaren Stopper fühlt man sich auf der Triumph sicher.

 

LASST UNS FUNKEN SPRÜHEN!

Einigkeit herrscht beim Thema Sport: Die niedrigen Sitze (Bobber 690 mm, Harley 710 mm) bedingen ebenso tiefgelegte Rasten, die schon bei milden Anfänger-Schräglagen fröhlich Funkenregen über den Asphalt sprühen. Noch schrägere Vögel seien vorgewarnt: Die rechtsseitig verlegte Auspuffanlage der Forty-Eight setzt beinahe so früh auf wie die Raste, das kann zu haarigen Situationen führen. Dasselbe gilt (ein paar wenige Grad schräger) für die Triumph, welche mit den kurzen Schalldämpfern nur allzu gerne den Asphalt küsst.

 

UND … WER IST DIE SCHÖNSTE IM GANZEN LAND?

Nun kommen wir noch zum wichtigsten und gleichzeitig heikelsten Thema, der Schneewittchen-Frage: Wer ist die Schönste (City-Flunder) im ganzen Land? Ist es die archaische Old Lady Harley-Davidson Sportster Forty- Eight? Ist es das moderne britische Instagram- Girl Triumph Bobber? Puh …, da lasse ich mich lieber nicht auf die Äste hinaus, das soll und muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich bleibe lieber bei den Fakten: Beide Töff sind wie aus einem Guss gestylt, eigenwillig, unverwechselbar, mit jeder Menge Charisma und Retro-Flair. Fakt ist aber auch, dass die Triumph bei der Verarbeitung, der Bedienungsfreundlichkeit und auch bei der Gestaltung vieler Details ein sehr hohes Level erreicht hat, wie bereits der Fahrbericht in MSS 3/2017 aufgezeigt hat. Die unverwüstliche und meiner Meinung auch unverzichtbare Harley hat da jetzt etwas Nachholbedarf.

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